Nach der neuen Vereinbarung zwischen uns dreien ist um 6.00 Uhr Aufstehen angesagt. Ich denke an meine Lieben, Christa in Veldenz, die tollen Mitarbeiterinnen in der Kanzlei und alle, die beim ersten Hahnenschrei schon auf sind. Jetzt weiß ich auch warum: Diese blutroten Sonnenaufgänge im Osten zu verschlafen wäre ein schwerer Fehler. FJ lächelt nur milde, weil er ein Hardcore-Frühaufsteher ist und deshalb Andreas und mir Beine macht. Santi steht üblicherweise gegenüber auf der Weide und begrüßt jeden von uns. Das tut richtig gut. „Der Kaffee ist fertig“ singt FJ (naja ...) und das ist wunderbar auch ohne Nutzung des riesigen Spa-Bereiches im Wohnwagen. Was soll das auch, ich rieche immer nach Pferd, Andreas kämpft tapfer dagegen an und FJ hält die Körperkulturfahne hoch. Wenn ich mir so die Pilger anschaue verstehe ich, dass der Weg das Ziel ist und alles im Kopf beginnt, der Rest ist marginal. Ich freue mich auf das herzliche „Buen Camino“ unterwegs.

Unterwegs passierte natürlich wieder was. Wir hatten Atapuerca als Tagesziel ausgemacht, also ca. 25 km. Bei der gestrigen stechenden Hitze recht ambitioniert für Santi. Der Trick, das durchzuhalten besteht darin, zu richtigen Zeiten Pausen einzulegen, unterwegs zu registrieren, wie Santi auf „Santi geh!“ und Trab reagiert und wann sie äppelt. Noch entscheidender ist, dem leicht verfressenen Tier zur richtigen Zeit grünes Gras anzubieten – und wie lange. Erstaunlich ist, dass ihr Wasserbedarf, schließlich 20 Liter, von ihr während des Rittes der Etappe selten eingefordert wird. Nichts ist beständiger als der Wandel, jedenfalls heute:
In San Juan de Ortega, das mich an „Spiel mir das Lied vom Tod“ erinnerte, weigerte sie sich einen Betonparkplatz nebst Brunnen (!) zu betreten. Na gut. Am Ende des Dorfes treffen wir auf ein, ebenfalls betoniertes, Wasserbecken, wohl die Reminiszenz eines Waschhauses. Wir beide hin. Santi stellt sich mit beiden Vorderläufen auf den Betonrand, senkt den Kopf zum Saufen und rutscht mit beiden Hufen ab. Das Pferd landet, trotz Allrad, mit mir oben drauf laut platschend, eine Wasserwoge verursachend, voll im Becken. Santi reißt den Kopf und die Vorderläufe hoch und springt mit einem riesen Satz aus dem Ungemach gerade aus auf eine schöne grüne Wiese. Und ich? Ich habe das alles nicht richtig mitbekommen, klammere mich mit Steigbügel (nicht verloren!), sämtlichen noch zur Verfügung stehenden Beinen an dem sehr dynamischen Pferde fest und lasse ihr nach vorne zügellose Freiheit. Die nutzt dieses Superpferd. Das so spektakulär, dass Beifall aufbrandet. Darauf hätte ich gerne verzichtet, denn ich musste mit Verletzungen rechnen. Machen wir’s kurz, denn auch Andreas stellt nichts fest. Gott, und wem sonst, sei ganz großer Dank.

Herzliches Wiedersehen mit Idar-Oberstein in San Juan de Ortega.

Wir haben einen feudalen Reiterhof in der Sichtweite von Burgos bezogen.
Morgen ist der Einritt nach Burgos geplant. Das ist schon was nach 1900 km mit Santi!